Hallo Aliens


mit: Rigel Flamond, Christina Jägersberger, Iris Kopera, Pascale Podiwinsky, Christian Polster
Regie: Karl Baratta
Dramaturgie: Walter Mathes
Musik: Elisaweta Sharakovskaja
Assistenz: Almud Krejza, Vera Skala
Produktion: Theater Delphin/Atelier 10 in der Brotfabrik

 

Auf einem fernen Planeten werden Zeichensprachen und Verständigungsformen geprobt. Die Zuschauer sind Außeridische. Sie wollen unsere Bewusstseinszustände und im besonderen das Phänomen Liebe entschlüsseln. Das Ziel des Probens ist, den Code des Zwischenmenschlichen zu knacken, der die Neugier der Aliens befriedigt. Dann ist eine Rückkehr zur Erde möglich.


 

Hallo Aliens ist eine bewegende Produktion, in der Menschen als Ereignisse gefeiert werden. Ein authentischer, auf dem Theater sonst kaum je zu sehender Kosmos mit Fixsternen, Planeten und Außerirdischen. Der Abend arbeitet mit einfachsten Mitteln und schafft es doch, im Publikum große Gefühle auszulösen.”


— Franzobel
“Seit langer Zeit habe ich keinen Theaterabend erlebt, der mich mit einem vergleichbaren Gefühl der Freude, Stimmigkeit und inneren „Rundheit“ entlassen hat wie dieser.
Es wird eine Geschichte erzählt, die aus lauter Einzelgeschichten besteht, die völlig für sich stehen…normalerweise mag ich sowas doch gar nicht?
Bin ich doch eine Verehrerin des gutgestrickten Plots, die keine Lust hat, darüber nachdenken zu sollen, was sich der Künstler/Autor möglicherweise gedacht haben mag.
Ich mag keine Kunst, zu der man eine Gebrauchsanweisung braucht. Aber die braucht man hier auch nicht- ganz und gar nicht. Die Menschen, die da auf der Bühne stehen, haben Freude an ihrem Tun, das darin besteht, sich selbst zu spielen, und große Würde.
Wenn der Autist mit Asperger- Syndrom etwas von seiner Beziehung und von der Sexualität in dieser Beziehung erzählt, davon, wie wunderbar und einzigartig sie ist, mit seiner sachlichen Stimme und seiner hundertprozent unkitschigen Wortwahl, dann ist das der unpeinlichste und diskreteste Akt öffentlicher Selbstenblößung, den ich je miterlebt habe.
Wenn die dicke lustige Frau sich darüber zerkugelt, dass wir alle nicht merken, dass sie uns in Wirklichkeit geschaffen hat, da wir uns ja einbilden, wir hätten sie geschaffen, dann wirkt nicht nur ihre Fröhlichkeit ansteckend, sondern auch ihre Freiheit.

Hier spielen sogenannte Behinderte und sogenannte Nichtbehinderte im Ensemble, und die sogenannten Behinderten präsentieren ihre strahlende Unbehindertheit, ihre Würde und ihr Königtum, das sich darin äußert, dass sie es nicht nötig haben, Masken zu tragen.

Die Authentizität, die wir uns durch hundert Schulungen, Therapien und Psycho- Workshops wieder anzueignen versuchen, bringen sie als selbstverständlichen, ständigen Bestandteil ihres Wesens mit.

Und weil sie ja behindert sind, ist es ein Stück ganz ohne Zeigefinger, mit einer Botschaft, die Tatsächlich das Medium- nämlich die Spielenden selbst- ist bzw sind.

Großen Dank an den Regisseur, den Dramaturgen und die beiden „Normalo“- Mitspielerinnen, die sich ganz auf diese Schauspieler und Kollegen eingelassen haben.

Ein ganz zart gewebtes Stück mit zarten, zärtlichen, kraftvollen ProtagonistInnen und sehr viel Komik.”
— Benedikta Manzano
Theaterwunder in der Leopoldstadt
Jenseits der großen Staats- und Repräsentationstempel gibt es in Wien eine Reihe von Kleinbühnen, und es ist nicht gesagt, daß man in den umgebauten Lagerräumen und Kinosälen weniger spannendes Theater erlebt. Manchmal kommt es in den Off-Theatern sogar zu künstlerischen Sternstunden. Von einem derartigen Glücksfall soll in der Folge die Rede sein.
In der Produktion „Hallo Aliens“, die im März im Delphin-Theater in der Blumauergasse im zweiten Bezirk Premiere hatte, geht es um die Erprobung menschlichen Verhaltens unter ungewöhnlichen Bedingungen.
Auf einem fernen Planeten werden Zeichensprachen und Verständigungsformen geprobt, die das Phänomen “Liebe” entschlüsseln sollen. Gelingt es, den Code zu entschlüsseln, winkt die Rückkehr zur Erde. Fünf Schauspieler und ein grandioser Musiker stellen in szenischen Tänzen und knappen Dialogen und Monologen Glück und Elend des zwischenmenschlichen Universums dar.
Da versucht ein Mann, hinter das Geheimnis eines Plastikbeutels zu kommen, er dreht und wendet den Gegenstand mit umsichtiger Neugier. Zwischendurch legt er Pausen ein, in denen er das Erlebte überprüft und den nächsten Versuch vorbereitet. Wir haben uns Sysiphos, der den Stein immer wieder auf den Berg rollt und ihn im Anschluß verliert, als glücklichen Menschen vorzustellen, sagt Albert Camus. Nicht das Scheitern konstituiert sein Menschsein, sondern das zielgerichtete Handeln. Schon der nächste Versuch könnte ja gelingen. Wer Christian Polster bei der Arbeit des Scheiterns zusieht, wird mit einer existenziellen Einsicht belohnt, die zum Kern alles Theatralischen vorstößt – der Neuschaffung der Welt als Versuchsanordnung mit dem Ziel, die schlimmsten Fehler weniger wahrscheinlich zu machen. Iris Koperas Interventionen sind selbstbewußt und frech, lassen aber das dünne Eis, auf dem sie steht, durchscheinen. Wenn Rigel Flamond in seinen kurzen Monologen Rissen im Alltag nachgeht, öffnet er den Zugang zu einer Welt, die noch unerforscht ist und sowohl Liebe und Glück als auch Schmerz und Tod verheißt. Die höfliche Eindringlichkeit, in der er darauf beharrt, dereinst den Weg aus dem asozialen Jammertal zu finden, ist, es gibt dafür kein anderes Wort, atemberaubend. Seit Oskar Werner sind derart kristallklare Sätze nicht mehr gesprochen worden.
Noch viele Szenen im Rahmen dieses von Karl Baratta geschaffenen theatralen Kosmos müßten angeführt werden. Bei einem Besuch dieses außergewöhnlichen Theaterabends läßt sich dieses Manko aber wettmachen. Daß drei der Schauspieler in der brüchigen Erdenwelt als behindert gelten, zeugt nur von der Begrenztheit unserer jämmerlichen Gegenwart. In besseren Zeiten, die so sicher kommen werden wie der nächste Skandal im Staatstheater, wird diese Unterscheidung, die immer auch eine Selektion miteinschließt, in den Staub der Geschichte abgesunken sein. Niemand wird sich der Schande erinnern. Und viele werden als berührbare Wesen dankbar sein, wenn sie – wie in Fall von „Hallo Aliens“ – einer künstlerischen und menschlichen Sternstunde teilhaftig werden.
— Erwin Riess